Am 23. April 2026 war die Philosophin J.Prof. Dr. Amrei Bahr zu Gast am Institut für Informatik. In ihrem Vortrag sprach sie über strukturelle Herausforderungen im Wissenschaftssystem und deren Auswirkungen auf Chancengleichheit. Die Veranstaltung fand im Rahmen des Karrierenetzwerks WHATS UB für Wissenschaftlerinnen der Universität Bonn statt, zu dessen Frühjahrsevent das Zentrale Gleichstellungsbüro der Universität Bonn eingeladen hatte.
In ihrem Vortrag mit dem Titel „Überzogene Erwartungen: Warum Wissenschaftlerinnen stets mehr tun müssen und wie wir das ändern können“ beleuchtete Bahr zentrale strukturelle Rahmenbedingungen wissenschaftlicher Arbeit. Begrüßt wurde sie von Gabriele Alonso Rodriguez, der zentralen Gleichstellungsbeauftragten der Universität Bonn, sowie von Prof. Dr. Diana Imhof, Schirmherrin und Initiatorin des Karrierenetzwerks WHATS UB.
Strukturen und Abhängigkeiten im Wissenschaftssystem
Im Zentrum des Vortrags standen die Arbeits- und Karrierebedingungen im Wissenschaftssystem. Bahr hob die aus ihrer Sicht etablierten Machtstrukturen hervor: „Gerade an Hochschulen haben wir das Problem durch krasse Abhängigkeiten.“ Besonders problematisch seien sogenannte Gatekeeper-Strukturen, in denen Entscheidungsträger oft Personen fördern, die ihnen ähneln. Solche Mechanismen erschwerten die Etablierung von Vielfalt und Inklusion unter den Forschenden.
Arbeitskultur zwischen Anspruch und Realität
Unter der Überschrift „Das Genie darf sich sozial alles erlauben“ hinterfragte Bahr, warum hohe Belastungen und große zeitliche Flexibilität in der Wissenschaft häufig als selbstverständlich gelten. Sie beschrieb Herausforderungen wie befristete Verträge, hohe Arbeitsbelastung und flexible Arbeitszeiten, die für viele Beschäftigte prägend sind. In diesem Kontext könne mitunter das Gefühl entstehen, dass Pausen, Urlaub oder klar geregelte Arbeitszeiten erklärungsbedürftig sind – auch befördert durch das Narrativ die Vorstellung, Wissenschaft sei nicht nur Beruf, sondern Berufung.
Ungleichheiten und ihre Auswirkungen
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Frage, wie sich diese Rahmenbedingungen unterschiedlich auf verschiedene Gruppen auswirken. Bahr argumentierte, dass Frauen von bestehenden Strukturen häufig in besonderer Weise betroffen sind. Neben der weiterhin anspruchsvollen Vereinbarkeit von wissenschaftlicher Karriere und familiären Aufgaben würden ihnen in der Praxis oft zusätzliche soziale und organisatorische Rollen zugeschrieben, etwa in der Betreuung oder im kollegialen Miteinander.
Solche Dynamiken verschärften sich, wenn beruflicher Erfolg von Empfehlungen, Vertragsverlängerungen oder individueller Förderung abhängt. Kritik zu äußern, könne in solchen Konstellationen Risiken für die Karriere bergen.
„Wir haben Angst, dass uns das die Karriere kostet“
Mit Blick auf Grenzverletzungen und problematische Situationen im Arbeitsalltag erläuterte Bahr, warum Betroffene Missstände nicht immer offen ansprechen. In hierarchisch geprägten Strukturen erscheine es vielen sicherer, Probleme zunächst nicht öffentlich zu machen. Dabei verwies sie auch auf die historisch gewachsene Zusammensetzung der Professorenschaft, die vielfach noch männlich geprägt ist.
Aus ihrer Perspektive liegt ein zentraler Ansatzpunkt darin, Gleichstellung nicht nur als individuelles, sondern als strukturelles Thema zu verstehen. Maßnahmen wie transparente Verfahren, verlässliche Karriereperspektiven und geschützte Räume für Austausch könnten dazu beitragen, faire Rahmenbedingungen zu stärken.
Impulse für Veränderungen
Unter dem Titel „Dem Geraune über Frauen etwas dagegenhalten“ plädierte Bahr im Ausblick für einen offenen und solidarischen Umgang mit Belastungen im Wissenschaftsalltag. Dazu gehöre, Arbeitszeiten, Pausen und Unsicherheiten nicht zu tabuisieren und Zuschreibungen im Kollegium bewusst zu hinterfragen.
Zugleich benannte sie mögliche strukturelle Ansatzpunkte, etwa angemessene Vertragslaufzeiten, zusätzliche unbefristete Stellen sowie eine stärkere Entkopplung von Befristung und wissenschaftlicher Weiterentwicklung – Themen, die auch in Wissenschaftspolitik und Hochschulentwicklung breit diskutiert werden.
Engagement am Institut für Informatik
Mit Veranstaltungen wie dieser möchte das Institut für Informatik den interdisziplinären Dialog über Chancengleichheit, Arbeitskultur und strukturelle Rahmenbedingungen in der Wissenschaft fördern und das Gleichstellungsbüro in seiner Arbeit unterstützen. Darüber hinaus engagiert sich bei uns am Institut seit 2020 die Arbeitsgruppe „Gleichstellung in der Informatik stärken“, kurz GIDIS, die gezielt FINTA-Personen (Frauen, Intergeschlechtliche-, Nichtbinäre -, Transgender - und Agender Menschen) im Studium und in der wissenschaftlichen Arbeit begleitet und unterstützt.