"Hochschulen sind im Kern gesund"

Düsseldorfer Diskussion um die Zukunft der Unis


Von TORSTEN CASIMIR
Vier Herren, die beruflich mit Hochschuldingen zu tun haben, trafen sich in Düsseldorf, um die Frage zu besprechen, ob die deutsche Universität im Kern verrottet sei. Allesamt waren sie nicht dieser Ansicht, die Dieter Simon, Präsident der Berliner Akademie der Wissenschaften, vor Jahren geäußert hatte. Aber ein paar Ideen, was mit den "im Kern gesunden" Hochschulen geschehen müßte, damit es ihnen auch an den "kränkelnden Rändern" bald besser geht, hatten die Disputanten durchaus parat.

Wolfgang Frühwald, scheidender Präsident der Deutschen Forschungsgemeinstbaft (DFG), machte darauf aufmerksam, daß ein Teil der Hochschulkrise auf einen radikalen Wandel der Welt zurückzuführen sei. "Wir haben über den ganzen Erdball verteilte, dichte Forschungsnetze, die sich selbst stabilisieren und auf die gule alte Universität gar nicht mehr angewiesen sind." Ortsfeste Diskurse gebe es nicht mehr - ausgenommen bei den Philosophen in Oxford". Die Zukunft gehöre "kosmopolitischen lokalen Institutionen", die sich den Bedingungen einer globalen Wissensgesellschaft anpassen könnten.

Auf Immobilität anderer Art kam der Düsseldorfer Rektor Gert Kaiser zu sprechen. Er sieht das Dilemma der deutschen Universität darin, daß sie sich zwei Prinzipien verschrieben habe: dem der Kollegialität (keine Krähe hackt der anderen ein Auge aus) und dem der Gruppenuniversität (Entscheidungen werden in vielen Gremien vorbereitet, aber meistens nirgendwo getroffen). "Das beides ist die Garantie für Unbeweglichkeit", meinte Kaiser. Er forderte die Politik dazu auf, "die törichte Möblierung der Universität mit Demokratiespielen zu beenden".

Der Politiker in der Runde, Baden-Württembergs Wissenschaftsminister Klaus von Trotha (CDU), ist ein Freund solcher Überlegungen. Auch er möchte Strukturen, die ein flexibles Reagieren der Hochschulleitung möglich machen. Zum Beispiel: "Warum sprechen wir nicht wenigstens die Erstberufung auf Zeit aus und testen dann, ob der Mann sich in Forschung und Lehre bewährt?" Das gebe die Chance, schiefgelau fene Berufungen zu korrigieren.

Der Moderator in der Reihe "Meinung gegen Meinung" des ASG-Bildungsforums, der Mannheimer Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch, wollte schließlich wissen, wie die Unis ihre Meinungsführerschaft in den intellektuellen Streitfragen zurückgewinnen können. Frühwald und Kaiser waren sich einig: Die Stichwortgeber von heute sitzen nicht mehr in den Philosophischen Fakultäten. Sie kommen vielmehr aus der Biomedizin, der Neurologie, den Informationswissenschaften. "Die Philosophen haben ihre Definitionsmacht eingebüßt", befand der Germanist und DFG-Chef.

Mit der Gewichtsverschiebung hin zu Medizin und Naturwissenschaften stehe man aber auch vor einem "Aufbruch ohnegleichen. Zum ersten Mal haben wir mit echter Ursachenforschung in der Medizin begonnen und 3000 genetisch definierte Krankheiten identifiziert", argumentierte Frühwald. Diese "Explosion von Erkenntnisfähigkeit" zusammen mit einer "neuen Partnerschaft zwischen Lehrenden und Lernenden" sind für Frühwald die besten Mittel, die Hochschulkrise zu überwinden.

Lernende hatten sich übrigens kaum zu der Disputation eingefunden. Die Studenten im Streik waren am Streit offenbar nicht interessiert.