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Überfüllt und ausgebuchtVom Studentenleben in Marburg |
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Frankfurt/M (AP). "Wir streiken weiter", heißt es bei den Studenten im hessischen Marburg. Seit über zwei Wochen halten sie die Gebäude ihrer Universität besetzt und boykottieren die Lehrveranstaltungen. Ihr Protest richtet sich gegen den chronischen Geldmangel der Hochschulen und die daraus resultierenden Folgen. Die Marburger stehen nicht allein da - weder mit ihrem Streik noch mit ihren schlechten Studienbedingungen. In ganz Hessen und in mehreren anderen Bundesländern rebellieren die Studenten gegen die Hochschulmisere.
Die Duisburger Japanologiestudentin Sabine Hoffmann berichtet von wirtschaftswissenschaftlichen Vorlesungen, die mit 600 Studenten völlig überfüllt sind. Wer nicht lange vor Beginn im Hörsaal ist, muß auf dem Fußboden sitzen und auf den Knien mitschreiben. Dabei haben sie noch Glück: Der Frankfurter Politologiestudent Martin Gutmann kennt Veranstaltungen, in denen Studenten draußen auf dem Gang sitzen und hoffen, ihren Professor durch die offene Tür gut genug zu verstehen. Immerhin können sie frei atmen - ihre Kommilitonen innerhalb des Raumes dagegen leiden unter Sauerstoffmangel, weil die riesige Menschenmenge die Klimaanlage hoffnungslos überfordert. Kaum geringer ist der Ansturm auf Seminarveranstaltungen. Wer sich in Mainz beispielsweise für ein Seminar der Neuen Literaturwissenschaft anmelden will, muß früh aufstehen. "Wenn ich im letzten Semester nicht um 06.00 Uhr morgens vor dem Raum gesessen hätte, wäre ich nicht mehr zugelassen worden", sagt die Germanistikstudentin Marion Hollmann. Ohne Anmeldung aber wäre sie in der ersten Seminarveranstaltung gnadenlos rausgeflogen. Einzelne Professoren nähmen nicht einmal mehr Gasthörer auf, sagt sie. "Nur noch solche, die sie selbst eingeladen haben." In einigen sozialwissenschaftlichen Fächern lauern die Mainzer Studenten zu jedem Semesterende auf den Aushang von Teilnehmerlisten. "Wer sich da nicht sofort einträgt, hat Pech gehabt", sagt der 23jährige Soziologie- und Politologiestudent Torsten Hofmann. Sobald die Listen voll seien, würden sie abgehängt. "Da kommt man manchmal sogar in die vorgeschriebenen Grundseminare nicht rein." Noch schlimmer sieht es für Publizistikstudenten aus: Weil der Studiengang total überfüllt ist, werden dort die Seminarplätze verlost. Doch selbst wer einen Platz ergattert hat, ist noch nicht aus dem Schneider. Wie Japanologin Hoffmann berichtet, werden in Duisburg für einunddenselben Seminarvortrag oftmals gleich fünf Studenten eingeteilt, weil das Semester nicht genügend Zeit bietet, alle Seminarteilnehmer mit einem eigenen Thema anzuhören. Und wenn die Themen verteilt sind, geht der Kampf um die Bücher los. Denn von den wichtigen Standardwerken, die für alle Semiarteilnehmer verbindlich sind, stehen in den Regalen der Bibliotheken meist nur eine handvoll Exemplare. Wer noch eines abbekommen hat, streitet sich mit den Kommilitonen um die Sprechstunde beim Professor. Denn der nimmt sich für die Beratung seiner Studenten in der Regel nur anderthalb Stunden pro Woche Zeit. Dennoch geht es den protestierenden Studenten nicht nur um die Verbesserung ihrer Studienbedingungen. In Marburg beispielsweise kämpfen sie auch um den Erhalt einer Reihe von Studienfächern. So sollen das Institut für Sonder- und Heilpädagogik, der Studiengang Ägyptologie und die zahnmedizinische Ausbildung abgeschafft werden. "Marburg ist aber der einzige Studienort für das Fach Ägyptologie in Hessen", sagt der betroffene Student Thomas Krach. "Das heißt, daß wir nur in einem anderen Bundesland weiterstudieren können. Aber das wiederum ist mit großen Schwierigkeiten verbunden, da dort meist auch andere Studienregeln gelten." Da kann es sein, daß von den bereits erworbenen Vorlesungs- und Seminarscheinen nur die Hälfte anerkannt wird. Auch deshalb heißt es auf einem Spruchband der bestreikten Philosophischen Fakultät in Marburg: "Regulärer Betrieb fällt aus, damit die Zukunft nicht ausfallen muß!"
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