Essen wird zur Nebensache

Aus dem Streikbüro der Frankfurter Uni


Frankfurt/M (AP). Sie sitzen ganz unten im Erdgeschoß und behalten doch den Überblick: Im Mensagebäude am Campus der Universität Frankfurt am Main haben sich die Koordinatoren der Studentenproteste eingenistet und halten die Fäden so gut es geht zusammen. Nicht allein für die eigene Hochschule, auch bundesweit sind die Leute von Infopool und Streikpressestelle gefragte Ansprechpartner. Dabei haben sie schon genug mit der Organisation der eigenen Studenten zu tun.

Im Streikbüro, das normalerweise dem Allgemeinen Studentenauschuß (Asta) gehört, herrscht geordnetes Chaos. Die Wände sind mit Zetteln, Aufrufen und Organisationshinweisen bedeckt. Ein systematischer Kopf hat versucht, das Durcheinander mit handgeschriebenen Überschriften zu sortieren: "Schulen", "Unis", "Generelle Infos", "Nachrichten", "Telefonnummern" steht darauf. Auf den ersten Blick ist der Versuch kläglich gescheitert. Dennoch funktioniert es, sagt Nico Hauser.

Der 23jährige Mathematikstudent ist Kopf und Herz des Protestes, gemeinsam mit anderen hat er vor drei Wochen die entscheidende Vollversammlung initiiert. Frankfurt war damals die bundesweit dritte Universität, in der die Studenten einen kompletten Boykott der Vorlesungen und Seminare beschlossen.

Hauser wuselt mit drei, vier weiteren Leuten durch das winzige Streikbüro, nimmt Telefonate entgegen, bringt die Ergebnisse von Fachbereichsversammlungen in Erfahrung und schreibt die Aufrufe für die Info-Bretter des Streikkomitees. Improvisation ist angesagt. In der Streikpressestelle zwei Etagen höher haben sie sich Computer und Drucker von zu Hause mitgebracht. Auch Stehvermögen ist gefragt. Mindestens zwölf Stunden sind Hauser und die anderen Helfer auf den Beinen, meistens länger.

"Ich hab' Hunger", ruft jemand neben ihm. "Na und", antwortet es aus der anderen Ecke des Raumes, "ich hab seit Tagen schon nichts mehr gegessen." `Und ich war heute den ganzen Tag noch nicht auf dem Klo", schaltet sich jemand drittes ein. "Zu solchen Nebensächlichkeiten kommt man einfach nicht mehr", erklärt Hauser, "die vergißt man." Erst am Abend, wenn sich die Vertreter der einzelnen Fachbereiche und die Streikkoordinatoren noch einmal treffen, merken sie plötzlich, daß die Mägen knurren.

Da haben es die Professoren besser. Die rufen morgens beim Infopool an, ob der Streik noch andauert oder ob sie ihr Seminar am Nachmittag halten müssen. Dennoch sind die Koordinatoren froh, daß die Professoren die Proteste zumindest verbal unterstützen. "Vielen Studierenden erleichtert das die aktive Beteiligung, für weniger rebellische Naturen würde es sonst einige Überwindung kosten, Vorlesungen und Seminare einfach zu boykottieren."

Zielmarke 18. Dezember

Doch inzwischen sind längst nicht mehr alle Studenten auf Streik eingestellt. Am späten Vormittag platzt ein aufgeregter junger Mann ins Büro: Die Hörsaalblockade bei den Wirtschaftswissenschaftlern ist durchbrochen, 15 Studenten haben am Morgen vollendete Tatsachen geschaffen und ein Seminar veranstaltet. Die Koordinatoren im Streikbüro nehmen es bedauernd zur Kenntnis, ändern können sie es nicht. Schließlich sind es die Studenten selbst, die den Protest tragen müssen, und wenn die es nicht wollen, kann man nichts machen.

Draußen auf dem Campus macht aber schon das Wort von den Streikbrechern die Runde. Bereits am Vorabend hatten sich die Wirtschaftsstudenten auf einer Versammlung für die Einführung von Studiengebühren ausgesprochen - im Gegensatz zu einem der Hauptziele des Protestes.

Im Büro des Infopools zitiert jemand aus der Streikzeitung: Dort wird vorgeschlagen, das wirtschaftswisssenschaftliche Institut in eine privat finanzierte Einrichtung zu überführen und die "Nieten in Nadelstreifen" sich selbst zu überlassen, was auf allgemeines Gelächter trifft. Noch sind die Koordinatoren optimistisch. Bei der letzten Vollversammlung haben sich 90 Prozent der 3.000 Teilnehmer für die Fortsetzung des Streiks ausgesprochen. Nun visiert Hauser den 18. Dezember an, wenn sich die Ministerpräsidenten mit Bundeskanzler Helmut Kohl treffen und vermutlich auch das Thema Bildungspolitik auf die Tagesordnung kommt. "Da wollen wir vorher noch einmal richtig Druck machen", sagt er. "Aber ob die Studenten danach noch länger durchhalten ..."