Protestwelle ergreift die neuen Länder

10.000 Demonstranten in München


Frankfurt/M (AP). Die seit Wochen andauernde Protestwelle an den Hochschulen ist jetzt auch auf die neuen Bundesländer übergeschwappt. Die Studenten der Bauhaus-Universität in Weimar begannen am Dienstag mit einem zunächst auf zwei Tage befristeten Streik. Auch an anderen ostdeutschen Hochschulen liefen erste Protestaktionen an. In München zogen am Nachmittag rund 10.000 Studenten durch die Innenstadt, in Berlin beteiligten sich etwa 3.000 Demonstranten an einem Protestmarsch. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft plädierte im AP-Gespräch dafür, die Protestaktionen auch auf die Schulen auszuweiten.

Der Sprecher des Studentenrates in Weimar, Stephan Heinlein, sagte, die Probleme an der Bauhaus-Uni seien zwar nicht so gravierend wie die in den alten Bundesländern. Aber auch in Weimar würden geplante Neubauten für den Bereich Architektur und der vorgesehene Anbau für die Unibibliothek auf die lange Bank geschoben.

An der Technischen Universität Dresden traten am Dienstag erstmals rund 3.000 Studenten der Sprach- und Literaturwissenschaften sowie der Philosophie in einen aktiven Streik mit alternativen Lehrveranstaltungen. Die Studenten der Greifswalder Uni kündigten für (den morgigen) Mittwoch als erste in Mecklenburg-Vorpommern ihre Beteiligung an den Protestaktionen an.

Auch in den alten Bundesländern schlossen sich weitere Hochschulen, darunter die Unis Bremen, Vechta und Lüneburg, den Protesten an. Nach Angaben der Streikpressestelle in Frankfurt am Main werden derzeit bundesweit rund 60 Universitäten und Fachhochschulen bestreikt. Auch in Frankfurt sollen die Proteste fortgesetzt werden.

In München sorgten am Nachmittag nach Polizeiangaben rund 10.000 Demonstranten für erhebliche Störungen im Berufsverkehr. Die Studentenvertreter sprachen von 15.000 Teilnehmern. Mit Transparenten wie "Advent, Advent, die Bildung brennt" demonstrierten sie gegen die Bonner Bildungspolitik. In Berlin zogen rund 3.000 Demonstranten in einem `Kanzlermarsch" durch die Stadt, in Bonn bildeten protestierende Studenten eine Menschenkette zwischen Universitätsbibliothek und der Bannmeile um das Parlaments- und Regierungsviertel.

Schulen sollen mehr Druck machen

Die GEW-Vorsitzende Eva-Maria Stange forderte im AP-Interview die Eltern von Schulkindern auf, ihrem Ärger über schlechte Unterrichtsbedingungen deutlicher Ausdruck zu verleihen. Sie wünsche sich, daß Eltern und Schülervertretungen mehr Druck auf die Politik ausübten. Dabei könnten sie durchaus von den studentischen Protestformen lernen und "sich der öffentlichen Sympathie gewiß sein". Proteste fänden an den Schulen nur deshalb noch kaum statt, weil sie schwerer zu organisieren seien als an den Universitäten.

Stange räumte ein, daß der Staat zwar jedes Jahr mehr Geld für die Schulen ausgebe. Angesichts rasant steigender Schülerzahlen im Westen würden aber nicht genug neue Lehrer eingestellt, um den bisherigen Betreuungsstandard zu halten. Teilweise würden sogar Stellen abgebaut.

Nach Angaben der Hochschulrektorenkonferenz müssen streikende Studenten nicht damit rechnen, wegen ihrer Beteiligung an den Protesten ein Semester zu verlieren. HRK-Sprecherin Susanne Schilden sagte, in vielen Fällen würden Dozenten, die sich mit den Streikenden solidarisch erklärt hätten, ausgefallene Veranstaltungen wohl nachholen. Dies müsse jedoch im Einzelfall entschieden werden. Letztlich komme es darauf an, daß die geforderten Studienleistungen erbracht würden.

Der Verband deutscher Schriftsteller in der IG Medien solidarisierte sich mit den Studentenprotesten. "Die Autorinnen und Autoren appellieren an die Lehrenden und Studierenden, die gesellschaftlichen Ursachen der gegenwärtigen Misere nicht aus dem Blickfeld zu verlieren", hieß es in einer in Stuttgart veröffentlichten Erklärung.

Der bayerische Kultusminister Hans Zehetmair erklärte nach einer Kabinettssitzung in München, für die Staatsregierung habe die Bildungspolitik "höchste Priorität". Der CSU-Politiker erteilte zudem Studiengebühren im Erststudium eine strikte Absage.