Studentenproteste haben Höhepunkt überschritten

Mehrere Hochschulen nehmen Lehrbetrieb wieder auf


Frankfurt/M (AP). Nach mehr als fünf Wochen haben die Studentenproteste gegen Bildungsabbau und Studiengebühren ihren Höhepunkt offenbar überschritten. Mehrere Hochschulen kehrten am Montag wieder zum normalen Lehrbetrieb zurück. Die Studierenden der Universität Jena traten dagegen in einen Warnstreik. Die geplante Neufassung des Hochschulrahmengesetzes beschäftigte unterdessen den Bildungsausschuß des Bundestages.

Das Statistische Bundesamt untermauerte die Vorwürfe über Finanzkürzungen der öffentlichen Hand mit aktuellen Zahlen. Demnach sanken die staatlichen Mittel, die den westdeutschen Hochschulen durchschnittlich pro Student zur Verfügung standen, seit 1980 um nahezu ein Drittel. Zwar waren es im vergangenen Jahr nominal acht Prozent mehr, unter Berücksichtigung der Preissteigerung aber rund 30 Prozent weniger. Je Student gaben die westdeutschen Hochschulen im vergangenen Jahr 11.900 Mark aus öffentlichen Mitteln aus, die ostdeutschen Hochschulen wegen der geringeren Auslastung 23.300 Mark. Im Bundesdurchschnitt waren das 24,3 Milliarden Mark.

Zu den Hochschulen, die den normalen Lehrbetrieb wieder aufnahmen, gehören die Universität Gießen, wo die Streikwelle vor begonnen hatte, die Uni Bonn und die Fachhochschule Darmstadt. Dort soll der Proteste in anderer Form fortgesetzt werden.

In Jena besetzten streikende Studenten das Unihauptgebäude und den Zeiss-Campus. Am Dienstag soll eine Vollversammlung über die Fortsetzung des Streiks entscheiden. In Frankfurt am Main blockierten 400 Hochschüler während des Berufsverkehrs mehrere Straßen. In Dresden trugen rund 150 Studenten in einem Trauerzug die Hochschulbildung symbolisch zu Grabe. In Hannover verteilten Architekturstudenten an den Schulen Grafiken von 1.000-Mark-Scheinen mit dem Aufdruck `Ihr werdet es nötig haben". In Heidelberg sprangen 40 Studenten in den sieben Grad kalten Neckar und zeigten Plakate mit der Aufschrift `Wo ist der Rettungsring für die Bildung".

Nach Angaben des Freien Zusammenschlusses von Studentenschaften (FZS) traten auch Schüler einer Berliner und zweier hessischer Schulen in einen Streik. Studentengremien kündigten für den 18. Dezember, wenn sich die Ministerpräsidenten der Länder mit Bundeskanzler Helmut Kohl treffen, eine Großdemonstration in Bonn an.

Studenten gegen neues Hochschulrahmengesetz

Vor der Anhörung im Bonner Bildungsausschuß überreichten Studierende den Parlamentariern rund 12.000 Unterschriften gegen die Novelle des Hochschulrahmengesetzes. Die angehenden Akademiker kritisierten unter anderem, daß die Erhebung von Studiengebühren ermöglicht werde. Dagegen wandte sich auch der DGB. Unterstützung kam vom Deutschen Industrie- und Handelstag und von der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände.

Der baden-württembergische Wissenschaftsminister Klaus von Trohta forderte eine grundlegende Reform des Bundesausbildungsförderungsgesetzes. Die Bafög-Situation der Studierenden sei unerträglich. Er hoffe, daß sich die Bund-Länder-Kommission darauf einige, daß es zumindest im kommenden Jahr keine Kürzungen geben werde, sagte der CDU-Politiker in Stuttgart. Für die Vorlesungsboykotte und "das Gerede vom Bildungsnotstand" bringe er jedoch nur begrenztes Verständnis auf.