"Die Länder sind schuld"

Hochschulrektoren fordern Finanzierungsplan


Berlin/Bonn (AP). Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Klaus Landfried, hat unmittelbar vor der Studenten-Großdemonstration in Bonn einen Fünf-Jahres-Plan zur besseren Finanzierung von Forschung und Lehre gefordert. Im Deutschlandradio Berlin gab Landfried den Ländern die Hauptschuld an der Krise der deutschen Universitäten.

In der "Berliner Morgenpost" (Donnerstagausgabe) äußerte der HRK-Präsident Verständnis für die bundesweiten Proteste der Studenten. Mit dem Marsch nach Bonn habe er allerdings seine Probleme. "Das lenkt ab von der wirklichen Verantwortung. Die liegt zu 90 Prozent bei den Bundesländern", sagte Landfried. Diese hätten zwar in der letzten Zeit insgesamt mehr für die Hochschulen getan. "Das reicht aber längst nicht." In einigen Ländern wie Hessen, Baden-Württemberg oder Niedersachsen würden die Mittel neuerdings sogar weiter abgebaut. Allerdings könne auch der Bund nicht ganz von Verantwortung freigesprochen werden. So habe sich die Bundesregierung beim Hochschulbau in den letzten Jahren gedrückt.

Rüttgers appelliert an die Länder

Bundesbildungsminister Jürgen Rüttgers forderte die Länder auf, ihren Beitrag zum Soforthilfeprogramm für die Hochschulen zu leisten. Im ARD-Morgenmagazin wies der CDU-Politiker Vorwürfe zurück, wonach vor allem der Bund die Misere an den Universitäten zu verantworten habe. "Wir haben in der Vergangenheit genausoviel in die Kasse eingezahlt wie die Länder", erklärte Rüttgers. Die von der Bundesregierung in Aussicht gestellten 40 Millionen Mark seien ein "politisches Signal". Er sei überzeugt, daß alle Bundesländer zusammen die selbe Summe ebenfalls aufbringen würden.

Dagegen verwahrte sich die nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerin Anke Brunn im MDR gegen Schuldzuweisungen an die Länder. Sie gäben bereits jede dritte Mark für Bildung aus, während der Bund ein Riesonloch in seinen Bildungsetat gespart habe.

Im Hessischen Rundfunk plädierte Rüttgers dafür, daß die Universitäten künftig ihre Mittel selbst verwalten sollen. Im Bayerischen Rundfunk kündigte der Minister an, er wolle mit allen Betroffenen eine Aktionspartnerschaft zugunsten der Hochschulen gründen. Noch vor Weihnachten werde es eine Entscheidung in Sachen Bafög geben, und an der Umsetzung des Hochschulrahmengesetzes zum 1. April 1998 werde gearbeitet.

Mischfinanzierung vorgeschlagen

Während Rüttgers gegen Studiengebühren plädierte, forderte der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Wolfgang Frühwald, eine Mischfinanzierung für die Universitäten. Neben dem Staat müßten sich daran auch die Wirtschaft und die Studenten selbst beteiligen, sagte er im Norddeutschen Rundfunk. Eine Blockade in Sachen Studiengebühren könne sich Deutschland nicht mehr leisten. Frühwald kritisierte, daß die Industrie seit Anfang der 90er Jahre ihre Forschungsabteilungen stark reduziert habe.

Der frühere Bundesbildungsminister Jürgen Möllemann kritisierte die Bonner 40-Millionen-Zusage als unzureichend. Die Zustände an den Hochschulen machten mittelfristig ein Programm von Bund und Ländern erforderlich, das in die Milliarden gehe, sagte der FDP-Politiker der "Saarbrücker Zeitung". Möllemann warf Rüttgers vor, gegenüber Bundesfinanzminister Theo Waigel zu schwach zu sein. Um Geld für die Bildung zu bekommen, müsse an anderer Stelle gespart werden, etwa im Verteidigungsetat.

Streik auch in Niedersachsen

Der Hochschulstreik hat inzwischen auch Niedersachsen erreicht. An der Universität Göttingen boykottierten nach Angaben der Studentenvertretung Asta rund 2.000 Studierende der Sozialwissenschaften, Biologie und der historisch-philologischen Fakultät die Lehrveranstaltungen. Am Nachmittag war eine Demonstration in der Stadt geplant. In Frankfurt am Main legten rund 300 streikende Studenten am Morgen auf dem Weg zum Hauptbahnhof kurzzeitig den Verkehr lahm.