Proteste greifen auf Schulen über

Bundesweit werden 47 Universitäten bestreikt


Frankfurt/M (AP). Die Studentenproteste gegen die Hochschulmisere ziehen immer weitere Kreise: Am Freitag wurden bundesweit schon 47 Hochschulen komplett bestreikt. In Hessen griffen die Proteste auch auf Schulen über. An 14 Schulen solidarisierten sich Schüler mit dem Hochschulstreik und boykottierten teilweise den Unterricht. Die Wiesbadener Landesregierung will den Universitäten für die kommenden zwei Jahre insgesamt 16,2 Millionen Mark zusätzlich bereitstellen.

Bundesbildungsminister Jürgen Rüttgers forderte unterdessen die Studenten in den alten Ländern auf, die Studienmöglichkeiten in Ostdeutschland mehr zu nutzen. Außerdem ist Rüttgers der Auffassung, daß eine Bafög-Reform bei gutem Willen noch vor Weihnachten möglich sei.

Nach Schätzung der Streikpressestelle in Frankfurt am Main setzen sich derzeit bundesweit knapp eine halbe Million Studenten für eine Verbesserung ihrer Studienbedingungen ein. An vielen Hochschulen stünden noch Vollversammlungen an, die über die Beteiligung am Streik entschieden. Die Organisatoren hofften auf die Teilnahme von einem Drittel der rund 300 Hochschulen in Deutschland.

An den hessischen Schulen beschränkte sich der Protest meist auf Gespräche im Unterricht über die Probleme des Bildungswesens, da die meisten Schüler wegen des Streiks nicht den Verlust eines Schuljahrs riskieren wollten, hieß es in der Streikpressestelle. Einige, zumeist Oberstufen, hätten sich aber auch für einen aktiven Streik entschieden.

Der hessische Ministerpräsident Hans Eichel kündigte bei einem hitzig geführten Treffen mit Studentenvertretern in Frankfurt an, für 1998 und 1999 insgesamt 8,2 Millionen Mark für Hochschulbibliotheken und acht Millionen Mark für die Verbesserung der Lehr- und Forschungssituation bereitzustellen. Das Geld stehe unabhängig von den angekündigten Mitteln des Bundes zur Verfügung, von denen voraussichtlich 2,9 Millionen Mark auf Hessen entfallen würden. Außerdem lasse die Landesregierung ihren Plan fallen, Prüfungsgebühren für Lehramts- und Rechtsreferendare einzuführen.

Die Sprecherin der Studentenvertreter, Julia Schott, sprach von einem Tropfen auf den heißen Stein und lehnte es ab, mit Sonderprogrammen lediglich Kürzungen im Bildungshaushalt aufzufangen. Wiesbaden müsse von geplanten Institutsschließungen absehen und Garantien nicht nur gegen die Einführung von Studiengebühren, sondern von Verwaltungs- und Rückmeldegebühren generell geben.

Teufel an Mannheimer Uni ausgepfiffen

Bildungsminister Rüttgers sagte der Chemnitzer "Freien Presse", bei aller berechtigten Kritik an der Situation im Westen sollten die hervorragenden Studienbedingungen an den 53 ostdeutschen Hochschulen, vor allem die geringeren Studentenzahlen, nicht übersehen werden. In der "Westdeutschen Zeitung" forderte Rüttgers die Hochschulen auf, mit der 80-Millionen-Mark-Hilfe von Bund und Ländern die Öffnungszeiten der Bibliotheken auszuweiten. Er äußerte erneut Verständnis für die Proteste.

Als Populismus bezeichnete dagegen der SPD-Bildungsexperte und Rektor der Erfurter Universität, Peter Glotz, die Sympathiebekundungen. Wegen der schlechten Lage der Länder seien Studiengebühren unvermeidlich.

Der baden-württembergische Finanzminister Gerhard Mayer-Vorfelder kritisierte die Studentenstreiks als "nicht zu überbietende Beleidigung all derer, die mit ihren Steuern und Abgaben jeden einzelnen Studienplatz in der Bundesrepublik finanzieren". Rein rechnerisch lieferten vier Schichtarbeiter in der Automobilindustrie ihre gesamte Lohnsteuer ab, um einen einzigen Studienplatz zu bezahlen.

Pfeifkonzerte und Zwischenrufe von Studenten ließen am Abend in Mannheim den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Erwin Teufel seine Rede zur Eröffnung des akademischen Jahres 1997/98 abbrechen. Der CDU-Politiker hatte an der Universität von den Leistungen seiner Bildungspolitik gesprochen. Er habe die Hochschulen auf das nächste Jahrhundert vorbereitet. Die Studierenden sahen dies jedoch anders und gaben ihrem Mißmut über die Landespolitik mit lautstarken Störmanövern und Spruchbändern Ausdruck.

H O M E