Bonn (AP). Mit einer friedlichen Großdemonstration durch die Bonner Innenstadt haben am Donnerstag rund 40.000 Studentinnen und Studenten aus allen Teilen der Bundesrepublik ihrem Protest gegen miserable Arbeitsbedingungen an den deutschen Hochschulen Nachdruck verliehen. Auf Plakaten, in Sprechchören und bei einer abschließenden Kundgebung auf der Hofgartenwiese vor der Bonner Uni machten die Demonstranten gegen überfüllte Hörsäle, veraltete Bibilotheksbestände und verfallende Hochschulgebäude sowie gegen Bestrebungen zur Einführung von Studiengebühren Front.
Die Mehrzahl der Länder erklärte sich unterdessen bereit, ihren Beitrag zur Finanzierung einer vom Bund angeregten 80-Millionen-Mark-Hilfe für die Bibliotheken zu leisten.
Der Massenprotest wurde von der Bundesregierung und den Parteien in Bonn mit Sympathie- und Verständnisbekundungen begleitet. FDP-Chef Wolfgang Gerhardt empfing eine Abordnung der Demonstranten, auch Bildungsminister Jürgen Rüttgers und Kanzleramtschef Friedrich Bohl erklärten sich gesprächsbereit. Die SPD war auf der Abschlußkundgebung mit einer Delegation unter Leitung des stellvertretenden Vorsitzenden Wolfgang Thierse vertreten.
Die Bonner Polizei bescheinigte den Demonstranten "äußerst diszipliniertes" Verhalten. Sie waren mit Sonderzügen, Bussen und privaten Autos - oft zusammen mit ihren Dozenten - an den Rhein gekommen. Die von den Veranstaltern erwartete Zahl von 25.000 Teilnehmern wurde nach Polizeiangaben schon lange vor Kundgebungsbeginn weit übertroffen. Die inoffiziellen Schätzungen gingen zuletzt von 40.000 Demonstranten aus.
An den Hochschulen griffen die Proteste auch am Donnerstag wieder auf weitere Standorte über. Aktionen wurden unter anderem aus Würzburg und Göttingen gemeldet. An der Universität München ist für Dienstag eine Vollversammlung geplant, in Heidelberg für (den morgigen) Freitag ein Demonstrationszug durch die Innenstadt. In Tübingen, wo am Donnerstag ein Institutsgebäude besetzt wurde, soll am Dienstag die Uni komplett bestreikt werden.
Die Protestwelle beginnt inzwischen auch auf die Schulen überzugreifen. Die rheinland-pfälzische Landesschülervertretung rief zu Streiks für den 10. Dezember auf. Sprecher Tobias Freudenreich sagte in Mainz: "Auch wir sind in zunehmendem Maß von den Spar- und Kürzungsbemühungen der Bildungspolitik betroffen."
Nordrhein-Westfalen lehnte es als einziges Land ab, über eine Beteiligung an der 80-Millionen-Mark-Hilfe für die Universitätsbibliotheken zu reden, solange die Gelder im Bundeshaushalt nicht auch wirklich aufgeführt werden. Bisher sei das Angebot aus Bonn nur eine Luftbuchung, hieß es in Düsseldorf auf eine Umfrage der Nachrichtenagentur AP. Für Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Berlin ist noch unklar, ob sie ihren Beitrag zum Länderanteil aufbringen werden.
Der Bund hatte angeboten, für die Bibliotheken 40 Millionen Mark bereitzustellen, wenn die Länder noch einmal die gleiche Summe beisteuerten. Bundesbildungsminister Jürgen Rüttgers forderte die Länder dazu in der ARD noch einmal ausdrücklich auf. Die vom Bund in Aussicht gestellte Summe sei ein politisches Signal.
Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Klaus Landfried, gab den Ländern die Hauptschuld an der Krise der deutschen Universitäten. In der "Berliner Morgenpost" äußerte er Verständnis für die Proteste der Studenten. Mit dem Marsch nach Bonn habe er allerdings seine Probleme. "Das lenkt ab von der wirklichen Verantwortung. Die liegt zu 90 Prozent bei den Bundesländern", sagte Landfried.