Studenten machen Druck

67 Unis im Streik - Demos in München, Berlin und Hannover

Bonn (dpa) - Die Studenten haben mit ihren anhaltenden Protesten den Druck auf die Politik für bessere Studienbedingungen verschärft. In München kamen am Dienstag rund 15.000 Studenten aus ganz Bayern zur Demonstration für ausreichende Hochschulfinanzierung und mehr studentische Mitbestimmung zusammen. Zuvor wurde auch für die Münchner Universität mit 60.000 Studenten der unbefristete Streik beschlossen. Damit hat der Protest alle bayerischen Hochschulen erreicht. Bundesweit werden inzwischen an 67 Universitäten und Fachhochschulen die Lehrveranstaltungen boykottiert.

Tausende Schüler und Studenten setzten in Hessen ihre Proteste fort. Berlin sah gleich mehrere Demonstrationen. Auch auf dem SPD- Parteitag in Hannover empfingen als Bettler verkleidete Studenten die Delegierten des SPD-Parteitages. Sie ermahnten die SPD, bei ihrem Nein gegen Studiengebühren zu bleiben und forderten eine schnelle Bafög-Reform.

"Kanzler-Marsch"

Mit einem "Kanzler-Marsch" erinnerten Studenten in Berlin Bundeskanzler Helmut Kohl daran, daß er ihnen Unterstützung zugesichert hat. Eine Bretterbude vor dem Architekturgebäude der Technischen Universität Berlin entstand als Symbol für die "Universität von morgen". Vor dem Pergamon-Museum fragten mehrere hundert Studenten "ist die Bildung bald museumsreif?". Sie schenkten "Bildungs-Eintopf" aus und sangen Lieder gegen den Eurofighter.

"Wir suchen unseren Arbeitsraum selber"

Auch in Hessen wurden die nun schon mehrere Wochen dauernden Proteste gegen die Finanzmisere fortgesetzt. Die Studenten der großen Frankfurter Universität entschieden sich dafür, den Streik zu verlängern. Vorlesungen und Seminare fielen aus oder wurden in die Innenstadt verlegt unter dem Motto "Wir suchen unseren Arbeitsraum selber". Zahlreiche Schulen im Rhein-Main-Gebiet und in Südhessen schlossen sich dem Protest an.

Der Osten ist keine "Insel der Glückseligen"

Die Streikaktionen haben nun auch Ostdeutschland erreicht. An der Technischen Universität Dresden wurden Veranstaltungen boykottiert. Die Proteste richten sich auch hier gegen unzumutbare Studienbedingungen in überfüllten Vorlesungen und Seminaren. Bisher hatten die Politiker wiederholt mit den besseren Studienbedingungen in den neuen Bundesländern geworben. Die Bauhaus-Universität in Weimar und die Universität Greifswald machten mit Warnstreiks auf ihre Finanznöte aufmerksam. Es sei nicht richtig, die ostdeutschen Universitäten als "Insel der Glückseligen" darzustellen, hieß es aus dem AStA.

Halbnackt durch Freiburg

Trotz des ersten Schnees demonstrierten in Freiburg junge Männer und Frauen halbnackt für bessere Studienbedingungen. "Die Bildungspolitik klaut uns das letzte Hemd", hieß es auf einem Transparent. In Koblenz demonstrierten rund 1.500. In Niedersachsen wurden an den 21 Hochschulen die Aktionen gegen die Sparpolitik fortgesetzt. In Oldenburg demonstrierten rund 2.000 Studenten. Auch die Universitäten Osnabrück und Vechta sind in den Ausstand getreten. Im westfälischen Münster wollten rund 1.000 Studenten "Hochschulreform statt HRG-Geschwätz".

Der studentische Dachverband fzs betonte, "der Uni-Streik ist politisch". Erreicht werden solle neben einer ausreichenden Finanzausstattung mehr demokratische Mitbestimmung aller Gruppen in der Universität, auch bei den Lehrveranstaltungen. Eine Bafög-Reform wird angemahnt.

Einladung zum SPD-Parteitag

SPD-Bundesvorsitzender Oskar Lafontaine will die streikenden Studenten am Mittwoch beim Parteitag zu Wort kommen lassen. Mit der Einladung reagierte er auf friedliche Demonstrationen. Der Studentenvertreter solle seine Rede unter dem ohnehin vorgesehenen Tagesordnungspunkt "Jugend- und Bildungspolitik" halten. Lafontaine wiederholte, daß eine gute Ausbildung unabhängig vom Geldbeutel der Eltern sein müsse.

Stoiber (CSU) mahnt Reform an

Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) hat in Tokio eine umfassende Bildungsreform angemahnt. Deutschland müsse wieder "zum Mekka von Wissenschaft und Forschung werden", forderte er vor deutschen Unternehmern. Für diese Woche sind weitere Großdemonstrationen in Düsseldorf, Hannover, Mainz und Wiesbaden angekündigt. Fotos: AP, dpa