. . . Effektives Studium unmöglich

In Gießen begann der Streik. Dann folgte die Marburger Uni, dann Frankfurt, dann Darmstadt. Ob sich die Proteste auf andere Bundesländer ausdehnen werden, ist noch ungewiß. In Kiel, München und Berlin gab oder gibt es in dieser Woche erste Vollversammlungen.

Mit zahlreichen öffentlichen Aktionen versuchen die Studenten in Hessen die Diskussion über die Hochschulmisere in die Öffentlichkeit zu tragen. Vorlesungen wurden in Frankfurt schon in U-Bahnhöfe und den Hauptbahnhof verlegt. Tausende versammelten sich an der Deutschen Bibliothek symbolisch um ein einziges Buch. Sportstudenten organisierten ein Volleyballspiel mit zwei 50köpfigen Mannschaften. Überfüllung und Mangel sollen so angedeutet werden.

"30 Prozent weniger für Forschung und Lehre"

Daß sich die Hochschulen in Mangelverwaltung üben dürfen, ist nichts Neues. Doch die Situation ist offenbar so dramatisch wie noch nie. "Unser Budget für Forschung und Lehre ist gegenüber dem Wintersemester 1996/97 um fast 30 Prozent zurückgegangen", erklärt der Frankfurter Unipräsident Professor Werner Meißner. Dagegen ist die Zahl der Studenten im ersten Fachsemester in der Mainmetropole um 12,9 Prozent gestiegen. In Gießen kletterte die Zahl der Studienanfänger um 4,4 Prozent und in Marburg gar um 14,9 Prozent.

Dies erklärt, warum der Studentenprotest vor allem von den Erstsemestern ausging. Hoffnungslos überfüllte Hörsäle und Seminare mit über 20ß0 Teilnehmern trieben den akademischen Nachwuchs zunächst zur Verzweiflung und dann auf die Straße. Mit dem Slogan "700:1" demonstrierten rund 10.000 Studenten in der vergangenen Woche in Wiesbaden. Die Zahlenformel spiegelt die Relation von Studenten und Professoren wieder. An den hessischen Hochschulen lehren heute weniger Professoren als vor 25 Jahren. Belief sich die Zahl der Hochschullehrer 1972 auf landesweit 2.500, sind es heute 2.245, bei deutlich gestiegenen Studentenzahlen.

Studenten fordern 30-Millionen-Mark-Sofortprogramm

Dabei hat das Land Anfang der 90er Jahre noch einmal viel Geld in den Hochschulsektor gesteckt. Die Ausgaben für die Universitäten kletterten zwischen 1991 und 1995 von zunächst 1,38 auf 1,7 Milliarden Mark. Als dann aber ab 1994 die Studentenzahlen zunächst zu sinken begannen, wurde in Wiesbaden der Rotstift gespitzt. Noch 1,67 Milliarden Mark waren in 1997 für die Unis vorgesehen. Dank diverser Haushaltssperren und Kürzungen dürfte aber im Haushaltsvollzug deutlich weniger Geld ausgegeben worden sein.

Nun fordern die Studenten ein 30-Millionen-Mark-Sofortprogramm, vorerst ohne Chance, in Wiesbaden erhört zu werden. "Wesentlich mehr Geld wird es nicht geben", erklärt der grüne Landtagsabgeordnete Tarek Al-Wazir, selbst Politologiestudent. Und SPD-Fraktionschef Armin Clauss verweist darauf, daß eine Millionenspritze für die Hochschulen derzeit nur mit Krediten zu finanzieren wäre. Für die Rückzahlung aber müßte später einmal genau die Generation geradestehen, die nun an den Universitäten studiere: "Wir würden ihnen Steine statt Brot geben." Foto: AP

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