
In Gießen begann der Streik. Dann folgte die Marburger Uni, dann Frankfurt, dann Darmstadt. Ob sich die Proteste auf andere Bundesländer ausdehnen werden, ist noch ungewiß. In Kiel, München und Berlin gab oder gibt es in dieser Woche erste Vollversammlungen.
Mit zahlreichen öffentlichen Aktionen versuchen die Studenten in Hessen die Diskussion über die Hochschulmisere in die Öffentlichkeit zu tragen. Vorlesungen wurden in Frankfurt schon in U-Bahnhöfe und den Hauptbahnhof verlegt. Tausende versammelten sich an der Deutschen Bibliothek symbolisch um ein einziges Buch. Sportstudenten organisierten ein Volleyballspiel mit zwei 50köpfigen Mannschaften. Überfüllung und Mangel sollen so angedeutet werden.
Dies erklärt, warum der Studentenprotest vor allem von den Erstsemestern ausging. Hoffnungslos überfüllte Hörsäle und Seminare mit über 20ß0 Teilnehmern trieben den akademischen Nachwuchs zunächst zur Verzweiflung und dann auf die Straße. Mit dem Slogan "700:1" demonstrierten rund 10.000 Studenten in der vergangenen Woche in Wiesbaden. Die Zahlenformel spiegelt die Relation von Studenten und Professoren wieder. An den hessischen Hochschulen lehren heute weniger Professoren als vor 25 Jahren. Belief sich die Zahl der Hochschullehrer 1972 auf landesweit 2.500, sind es heute 2.245, bei deutlich gestiegenen Studentenzahlen.
Nun fordern die Studenten ein 30-Millionen-Mark-Sofortprogramm, vorerst ohne Chance, in Wiesbaden erhört zu werden. "Wesentlich mehr Geld wird es nicht geben", erklärt der grüne Landtagsabgeordnete Tarek Al-Wazir, selbst Politologiestudent. Und SPD-Fraktionschef Armin Clauss verweist darauf, daß eine Millionenspritze für die Hochschulen derzeit nur mit Krediten zu finanzieren wäre. Für die Rückzahlung aber müßte später einmal genau die Generation geradestehen, die nun an den Universitäten studiere: "Wir würden ihnen Steine statt Brot geben." Foto: AP