Eichel spricht mit streikenden Studenten in Gießen

Studentenproteste gehen weiter

Gießen/Frankfurt (dpa/lhe) - Der hessische Minister- präsident Hans Eichel (SPD) sucht das Gespräch mit den streikenden Studenten.

Bei einer Diskussion mit mehr als 3 000 Studierenden in der Gießener Universität sicherte er am Freitag zu, er werde einen runden Tisch zur Hochschulpolitik einrichten und die Asten daran beteiligen.

Mehr Geld könne er angesichts der angespannten Finanzlage des Landes nicht versprechen, betonte Eichel, dessen Rede mehrfach von Buhrufen und Pfiffen unterbrochen wurde. Zu Zwischenfällen kam es nicht. "Immerhin hat er sich hierherbewegt, Zugeständisse hat er aber keine gemacht", sagte eine Asta-Sprecherin. "Wir haben alles versucht, damit er nicht so um den heißen Brei rumreden kann."

Studenten vermissen Zugeständnisse

In Gießen hatte der Studentenprotest gegen die Bildungspolitik von Landes- und Bundesregierung vor fast vier Wochen begonnen. Inzwischen haben sich die Kommilitionen der anderen vier Universitäten sowie von vier Fachhochschulen (FH) angeschlossen. Einzige Ausnahme war die Wiesbadener FH, die erst am Montag mitstreiken will. Mit Vorlesungen in Fußgängerzonen und am Frankfurter Flughafen sowie mit Lichterketten setzten unterdessen tausende Studenten ihre Proteste gegen miserable Studienbedingungen fort. Dabei wurden sie erneut von Professoren und Universitäts-Präsidenten unterstützt.

Zu einer Physik-Vorlesung in der Abflughalle des Frankfurter Flughafens versammelten sich knapp 100 Studenten. Unter dem Motto "Wollt Ihr Nieten in Nadelstreifen?" zogen etwa 80 angehende Wirtschaftswissenschaftler vor die Deutsche Bank. Gut 200 Kommilitonen lauschten einem Vortrag ihres Professors über "zivilen Ungehorsam" in der Innenstadt. In der Fußgängerzone von Kassel trafen sich Erstsemester des Studienganges Produktdesign zu einer Vorlesung zum Thema Zeitmanagement. Sportstudenten besuchten mehrere Schulen und informierten künftige Abiturienten über Studienbedingungen und Sparmaßnahmen.

Ausgehungerte Universitäten

In weißen Kitteln zogen fast 400 Chemie-Studenten der Technischen Universität (TU) in Darmstadt zu einer Vorlesung in die Innenstadt. Im Schlepptau hatten sie ein Skelett und einen schwarzen Sarg mit der Aufschrift: "Uni verhungert". Nur wenige Meter entfernt zeigten etwa 350 Architektur-Studenten Modelle sowie mit einem speziellen Computerverfahren hergestellte dreidimensionale Bilder.

300 Studierende wollten jedes Jahr mit dem sogenannten CAD-Verfahren arbeiten, es gebe aber nur etwa acht Arbeitsplätze für 40 Kommilitonen, kritisierten die Studenten. Das für 600 angehende Architekten ausgelegte Gebäude werde von 1 700 genutzt. Studenten der FH Darmstadt versteigerten symbolisch ihre Dozenten. Für den Abend waren in Darmstadt und Frankfurt Lichterketten geplant.

Den Politikern die Leviten gelesen

Die Präsidenten der TU, der Gesamthochschule Kassel (GhK) und der Universität Frankfurt, Johann-Dietrich Wörner, Hans Brinckmann und Werner Meißner, unterstützten die Forderungen der Studenten. "Die Studierenden nehmen einfach den Bundespräsidenten beim Wort, der den Politikern gerade erst die Leviten gelesen und die Bildungspolitik zum Megathema erklärt hat", sagte Brinckmann.

Zwar müßten auch die Universitäten ihre Strukturpobleme lösen, doch müsse auch die Politik ihre "Hausaufgaben" machen. "Und ich wünsche mir, daß das erfreuliche studentische Engagement ihr dabei Beine macht." Meißner sprach von "berechtigten Forderungen". Fotos: dpa

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