Streiks an immer mehr Hochschulen:

Aufruf zum "Marsch auf Bonn"


Unter dem Motto "Die Bildung geht baden" entledigten sich die Studenten der Gesamthochschule Kassel bei Außentemperaturen knapp über dem Gefrierpunkt ihrer Kleidung und sprangen in das wenig einladende Naß Foto: dpa
Bonn (dpa) - Der Protest der Studenten gegen die Finanzmisere an den Hochschulen soll an diesem Donnerstag mit einem "Marsch auf Bonn" einen Höhepunkt erhalten. Erwartet werden bis zu 30.000 Teilnehmer aus dem ganzen Bundesgebiet. Immer mehr Hochschulen schließen sich den Aktionen an.

In Berlin demonstrierten am Mittwoch rund 10.000 Studenten, in Kiel 3.500. Erstmals gab es auch in Baden-Württemberg Streikbeschlüsse. Gefordert wurde ein Verbot von Studiengebühren im Hochschulrahmengesetz. In Hessen schlossen sich über 1.000 Schüler einer Studenten-Demonstration an. An über 30 Hochschulen werden inzwischen die Vorlesungen boykottiert. Als erstes Bundesland legte Rheinland-Pfalz ein Sofortprogramm vor. Mit sechs Millionen Mark sollen in den nächsten beiden Jahren 1.000 Tutorien für Studenten finanziert werden. Dabei sollen Studenten höherer Semester Studienanfänger betreuen oder Hilfe bei der Organisation von Arbeitsgemeinschaften in Massenfächern leisten. Gleichzeitig erhielten die älteren Studenten eine sinnvolle Verdienstmöglichkeit innerhalb der Hochschule. Dies sei erforderlich, weil das Bafög durch den Bund nur unzureichend angepaßt worden sei.

Auch Professoren zeigen Solidarität

Nach Hessen hat nun auch die Streikbewegung fast alle großen Hochschulen in Nordrhein-Westfalen erreicht. An der größten deutschen Hochschule in Köln ist inzwischen etwa die Hälfte der rund 66.000 Studenten im Ausstand. In Duisburg wurden aus Tischen und Stühlen Barrikaden errichtet. Vorlesungen in Bussen und Bahnen sollten zeigen, wie überfüllt die Hochschulen sind. Fast alle Rektoren und viele Professoren erklärten sich mit den Studenten solidarisch. Brunn sagte, die Politik müsse den Studenten "sehr genau zuhören und sie ernstnehmen".

Studenten aller Berliner Hochschulen demonstrierten

Berlin erlebte seit Jahren der Ruhe an den Hochschulen erstmals wieder eine große Studentendemonstration. Daran beteiligten sich Abordnungen aller 13 Universitäten und Fachhochschulen. Auf Transparenten forderten sie: "Lieber guter Weihnachtsmann, mach, daß ich studieren kann." Die Studenten warfen dem Senat vor, durch überzogene Sparpolitik die Hochschulen zu ruinieren und wandten sich zugleich gegen die Studiengebühren-Pläne von Wissenschaftssenator Peter Radunski (CDU).

Als Bauarbeiter verkleidete Studenten nutzten in Konstanz einen ersten Spatenstich für ein neues Uni-Gebäude, um in Anwesenheit von Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) auf die schwierige Lage an den Hochschulen aufmerksam zu machen. An der Universität Saarbrücken wurde ein unbefristeter Vorlesungs- und Seminarboykott ausgerufen.

Noch ein Soli . . .

Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Klaus Landfried, forderte im "Rheinischen Merkur" eine Kehrtwende in der Forschungs- und Bildungspolitik. Notfalls müsse eine neue Solidaritätsabgabe für die Hochschulausbildung eingeführt werden. Fotos: (aus Regensburg und Berlin): AP

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