Mehr als Hunderttausend gingen auf die Straße

Höhepunkt der Studenten-Proteste

Hamburg (dpa) - Die Protestwelle der Studenten gegen die Finanzmisere an den deutschen Hochschulen hat mit mehreren Großdemonstrationen einen Höhepunkt erreicht. Mehr als Hunderttausend gingen unter anderem in Düsseldorf, Berlin, Hannover, Mainz, Kiel, Hamburg, Stuttgart und Leipzig auf die Straße.

Zugleich schlossen sich die Studierenden weiterer Universitäten den Vorlesungsstreiks an. Nach einer Übersicht der Fachhochschule Frankfurt/Main im Internet wurden am Donnerstag mittag bundesweit mehr als 100 der 335 Hochschulen ganz oder teilweise bestreikt.

Nahezu 40.000 Protestierende in Düsseldorf

Allein in Düsseldorf versammelten sich nahezu 40.000 Studenten und Schüler, die aus ganz Nordrhein-Westfalen angereist waren. Polizei und Veranstalter zeigten sich von dem Ansturm überrascht. Die Pressestelle des Landtags sprach von der bisher größten Demonstration vor dem Landtagsgebäude. Der Düsseldorfer Hauptbahnhof war teilweise lahmgelegt: Reisende konnten ihre Züge nicht verlassen, es kam zu Verspätungen.

In Hannover zogen fast 20.000 Studenten aus nahezu allen Hochschulen des Landes durch die Innenstadt. In Berlin beteiligten sich ähnlich viele Menschen an dem Protestzug vom Brandenburger Tor zum Roten Rathaus. In Mainz legten mehr als 10.000 Demonstranten den Straßenverkehr rund um den Hauptbahnhof praktisch still. Auch in den anderen Städten zeigte sich ein ähnliches Bild.

Besetzung der Europa-Universität

In Frankfurt an der Oder besetzten Studenten die Bibliothek der Europa-Universität Viadrina. Die befristete Aktion stehe im Zusammenhang mit dem Besuch von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), sagte ein Sprecher des Asta. Der Kanzler und der polnische Ministerpräsident Jerzy Buzek sollten dort am Nachmittag Vorträge halten. Dabei wollten die Studenten Kohl eine Protestnote überreichen.

In Baden-Württemberg schloß sich als letzte Hochschule des Landes die Universität Stuttgart den Protesten an. Auch in den neuen Bundesländern weiteten sich die Streikaktionen weiter aus. Die älteste sächsische Universität in Leipzig soll bis zum Wochenende boykottiert werden.

"Studentenplätzchen" in Hannover

Auf dem SPD-Parteitag in Hannover verteilten Studenten an die Delegierten "kostenlose Studienplätzchen" - als Dankeschön für das deutliche Votum der SPD gegen Studiengebühren. Der Parteitag hatte zudem am Mittwoch abend eine umfassende Reform der Hochschulen und ein neues Bafög-Modell gefordert. Nur noch 15 Prozent der derzeit rund 1,8 Millionen Studenten in Deutschland erhalten nach Angaben des Deutschen Studentenwerks überhaupt noch Bafög.

Weitere Unterstützung erhielten die Studenten auch am Donnerstag aus Politik und Verbänden. Die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen forderte ein Sofortprogramm in Höhe von einer Milliarde Mark für die Hochschulen. Zugleich müsse das Hochschulrahmengesetz nach demokratischen, sozialen und ökologischen Kriterien novelliert werden, verlangte die bildungspolitische Sprecherin der Fraktion, Elisabeth Altmann.

Verbesserungen für ausländische Studenten

Unterdessen verständigten sich in Bonn Bundesbildungsminister Jürgen Rüttgers (CDU) und Innenminister Manfred Kanther (CDU) auf Verbesserungen für ausländische Studenten. Für sie soll das bürokratische Verfahren unter anderem bei Einreise- und Aufenthaltserlaubnis vereinfacht werden und zügiger ablaufen. Die Minister legten dazu einen Text für bundeseinheitliche Verwaltungsvorschriften vor, der noch mit den Bundesländern abgestimmt werden muß. Fotos: Reuter, dpa(2)