junge Welt Interview

27.11.1997
Auch in Göttingen Streiks?
junge Welt sprach mit Silke van Dyk

(Vorsitzende des Allgemeinen StudentInnen-Ausschusses der Universität Göttingen)

F: Ihr wehrt euch gegen den Vorwurf, die Studentenproteste seien eine unpolitische Studentenbewegung. Warum sind diese politisch?

Wir wehren uns gegen Bildungsklau und Sozialabbau. Wir denken, daß es weitgehend auch an den Medien liegt, daß genau diese Komponenten des Protestes wegfallen und der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht werden. Es gibt sicherlich viele an den Unis, denen es primär darum geht, daß sie einfach mehr Geld bekommen. Das ist normal. Was aber gerade die Vollversammlung in Göttingen gezeigt hat, ist, daß von den 1 800, die da waren, mit überwältigender Mehrheit der Resolutionsentwurf angenommen wurde: Der Protest gegen die derzeitige Politik, die auf Sozial-, Kahlschlag und Bildungsklau ausgelegt ist.

Also ganz klare Absage an alle, die Bildungsabbau zum Einzelphänomen machen wollen, aus dem Kontext herauslösen wollen und ohne Blick auf die Ursachen, nach ein bißchen mehr Geld für die Unis schreien.

F: Man kann wohl nicht sagen, daß der Vorwurf, die Studentenproteste seien unpolitisch, nur aus den Medien stammt, oder?

Es sind sicherlich nicht nur die Medien. Im Vordergrund standen immer nur mehr Finanzmittel für die Unis. Das ist von den Studierenden am Anfang auch so gesehen worden. Aber gerade bei der Entwicklung in Hessen, im dortigen Politisierungsprozeß kann man feststellen, daß viele Universitäten ihre Forderungskataloge erweitert haben. Es ist gut, daß die Leute auch über ihre eigenen Mißstände hinausblicken und feststellen, was hinter diesen Kürzungen und Umstrukturierungen steckt: Unterwerfen aller Interessen und Ziele unter die ökonomische Verwertbarkeit für den Standort. Und da wird man ziemlich schnell feststellen, daß das nicht nur mit den Interessen der Studierenden passiert, sondern auch mit denen der Sozialhilfeempfänger, Arbeitslosen, Asylbewerber. Es wurde ziemlich schnell klar, daß man keine Trennlinie ziehen kann.

F: Wie kann man die anderen Betroffenen überhaupt erreichen?

In Göttingen haben wir sofort Kontakte zum Bündnis gegen Sozialabbau geknüpft. Wir haben zudem Kontakte zu Schülern, um gleich von Anfang an zu zeigen, wir wollen aus dem Rahmen Universität heraus.

F: Wie ist die große Resonanz zu erklären, die die Studentenbewegung diesmal hat?

Die Frage kann so niemand beantworten. Für alle Leute, die in der letzten Zeit Politik an der Uni gemacht haben, war es in der Regel eher eine frustrierende Erfahrung, in leeren Veranstaltungen irgendwelche Sachen zu erzählen, Flugblätter wie Sauerbier anzubieten. Man sollte fragen, warum es so lange gedauert hat. Zu erklären ist das nur so: Es hat einfach ein Knaller gefehlt. Es gibt Leute, die kommen zu uns in den AStA und gucken erstmals in ihrem Leben in das Hochschulrahmengesetz rein und fragen sich das erste Mal, wozu es führen wird.

F: Bundesbildungsminister Rüttgers sieht in den Protesten der Studenten einen Auftrag an alle, das Hochschulrahmengesetz möglichst schnell in Kraft zu setzen. Mit Systemveränderungen könne man die Studenten nicht vom Hocker reißen, sie wollten nur Leistungen bringen.

Wir wehren uns gegen diese Vereinnahmungsversuche. Es ist klar, daß das keine wirkliche Solidarität ist. Es mag schon erstaunen, daß sich Leute mit uns solidarisieren, gegen die sich der Protest richtet. Sie glauben, wenn sie eine studentische Forderung, nämlich mehr Finanzmittel für die Unis, herausgreifen und sie erfüllen, dann würden sie sich mit den Studierenden solidarisieren. Mit diesen Leuten, der von ihnen vertretenen Standortpolitik, nämlich Bildung zu ökonomisieren und alle darüber hinausgehenden Interessen den Bach runtergehen zu lassen, gibt es keinerlei politische Basis. Deswegen werden wir diese Zusammenarbeit und Solidarisierungsversuche abwehren, und das ist auch auf unserer Uni-Vollversammlung so beschlossen worden.

F: Wird in Göttingen gestreikt?

Es gibt in den nächsten Tagen allein zwölf Fachbereichsvollversammlungen, wovon die ersten drei bereits stattgefunden haben, die sich mit überwältigender Mehrheit für Streik entschieden haben. Es werden aktive Streiks sein. Viele Leute verbinden mit Streik sofort: Die Leute machen Institute zu und legen sich zu Hause ins Bett. Es ist klar, daß es während der Besetzung der Institute alternative Lehrveranstaltungen und Diskussionen sowohl im Bildungs- als auch im Sozialbereich geben wird. Und ab heute morgen acht Uhr sind die ersten drei Fachbereiche in Göttingen im Streik.

Interview: Sven Ehling

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