| junge Welt |
Titel |
28.11.1997 |
| Bonn: Studenten stimmen mit den Füßen ab |
| Über 50 000 protestierten gegen den Notstand an den Hochschulen |
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Über 50 000 Studierende kamen gestern zur Großdemonstration gegen die Bildungsmisere an den Hochschulen nach Bonn - doppelt soviel wie erwartet. Bonn versank, wie die Zufahrtsstraßen, in einem »Bildungsstau«. Die demonstrierenden Studenten machten aus ihrem Unmut über die Hochschulpolitik der Bundesregierung und der Länderregierungen sowie die Umarmungsversuche der Politiker keinen Hehl. »Genau die Leute, die den Karren in den Dreck gefahren haben, behaupten jetzt, sie wollten das Gleiche wie wir. Das ist falsch«, monierte Olaf Bartz vom Kölner AStA zu Beginn der Demonstration. Den Studierenden gehe es um eine grundlegende Reform der Hochschulpolitik. Studiengebühren in jeder Form lehnten sie ab. Die Monopolstellung der Professoren soll aufgebrochen - die Hochschulstrukturen sollen demokratisiert werden. Gerd Köhler vom Hauptvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bot den Studierenden ein Bündnis für Bildung und Wissenschaft an, »um Bewegung für mehr zu schaffen, als die Regierung bereit ist zu geben«, so Köhler. Der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften unterstützen den Protest, sagte er weiter. Köhler kritisierte das Angebot von Bundesbildungsminister Jürgen Rüttgers (CDU) und Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), 40 Millionen D-Mark für die Ausstattung der Bibliotheken bereitzustellen. »40 Mark Büchergeld pro Nase bietet euch Bundesbildungsminister Rüttgers als Antwort auf euren Protest an. Hilfloser geht es nicht«, sagte Köhler auf der Abschlußkundgebung im Bonner Hofgarten. Der Hochschullehrer Dieter Eissel forderte die Umverteilung von Mitteln zugunsten von Bildung und Ausbildung. Er versicherte die Studierenden der Solidarität der Hochschullehrer. Nach Bonn haben diese sich gleichwohl nicht bewegt. Redner der Kundgebung forderten auch die Gleichstellung ausländischer Studierender. 140 000 studieren an den Unis. Ihnen droht die Abschiebung, wenn sie Studienleistungen nicht rechtzeitig erbringen. Arbeitsverbote machen ihnen die Studienfinanzierung immer schwerer. Thomas Isenberg von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Sozialhilfe-Initiativen kritisierte die durchgängige Politik des Sozialabbaus und plädierte für ein Bündnis von Studierenden, Gewerkschaftern, Flüchtlingen, Sozialhilfeempfängern und Rentnern. Mittlerweile hat sich der studentische Streik auf 44 Hochschulen in Westdeutschland ausgeweitet. An weiteren wird in den nächsten Tagen über Aktionen entschieden. Auch an den Schulen regt sich Protest gegen den Bildungsabbau. An 20 hessischen Schulen wird gestreikt. Schüler und Studenten wenden sich gegen die Behauptungen, es gäbe kein Geld zur Bildungsfinanzierung. »Geld haben wir, nur an der falschen Stelle«, rief die Sprecherin der BundeschülerInnen-Vertretung Frauke Schneider auf der Bonner Kundgebung mit Blick auf den Verteidigungsetat aus. Katina Schubert, Bonn(Zum Thema folgen weitere Beiträge) |
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