Das Pendel schwingt wie es will
Inmitten streikender Studenten dachten Naturwissenschaftler über ihre Zunft im 21. Jahrhundert nach
Von Karl-Heinz Karisch (Dortmund)
Ein dramatisches Jahrhundert geht zu Ende. Und womit sind die Menschen beschäftigt? Mit dem Lesen unverständlicher Gebrauchsanleitungen und dem Messen ihres Blutdrucks. Beifälliges Gemurmel bei den mittelälterlichen Damen und Herren, die sich im Hörsaal 1 der Universität Dortmund versammelt haben. Draußen auf den Gängen werden Bettlaken zurechtgeschnitten und ausgerollt.In Nachtschicht pinseln "Studies", wie sie sich nennen, emsig Parolen. "Mitbestimmung" und "Bildung für alle" oder "bedarfsdeckender Unterricht". Die Forderungen sind moderat, die Stimmung von netter Erwartung. Alles scheint so neu, nie erprobt. Im Streikcafé wird selbstgebackener Stollen angeschleppt, eine Punkband baut Instrumente auf.
"Ich habe mich mit wesentlichen Forderungen der Studenten solidarisch erklärt", verkündet Albert Klein, der Rektor der Universität, den fröstelnden Damen und Herren im Hörsaal - wegen Geldmangels wird kaum noch geheizt. Und denen blitzt trotz der Kälte die Demolust vergangener Tage durchs Gesicht. Am liebsten würden sie hinauseilen und ein paar Tips geben. Aber sie sind in "Europas Bierstadt Nr. 1" - wie Dortmund für sich wirbt -, um über "Naturwissenschaft an der Schwelle zum 21. Jahrhundert" zu beratschlagen.
Ganz ohne Brüche geht das nicht, der Streik löst bei vielen Kongreß-Teilnehmern - die meisten: Professoren und Akademiker - Gefühle aus. Das Redemanuskript zur "Informationsgesellschaft - Mythos und Realität" bleibt unverlesen auf dem Tisch. Statt dessen erzählt Claus Eurich, Journalistik-Lehrender in Dortmund, frei von einem Traum über die Fahrt in einem leeren Bus, der auseinanderreißt und auf einer Wiese zum Stehen kommt. Leider ist er an dieser Stelle aufgewacht. Die mit Freudscher Traumsymbolik vertrauten Zuhörer lehnen sich enttäuscht zurück und erhalten keine Deutung. Eurich berichtet statt dessen, wie er sich mit seinen Studies hingesetzt und sie gefragt habe: "Was sind eigentlich Ihre Visionen?" Er habe keine Antwort bekommen, "es war nichts zu hören". Doch wenigstens eines sei klargeworden: "Es war ihnen bewußt, dieses Nichts."
Läßt das hoffen? Oder ist das Land so heruntergekommen, wie er es schildert? Sind die Universitäten zur Berufsschule degeneriert, in ihnen Wissenschaftler als Prostituierte, die sich für Ruhm, Macht und das Geld der Industrie verkaufen? Sind die spirituellen Wurzeln ausgerissen, überragt die innere Wachstumskrise des Menschen jene der Ökonomie? "Es gibt keine Zukunft, wenn wir uns weiterhin so belanglos treiben lassen", sagt Eurich, es fehle an Liebe, Achtung und Würde als Lebensgrundlage.
Eurich wünscht eine neue Spiritualität für das neue Jahrtausend. Doch was treibt Leute wie ihn dazu, die doch wissen, daß Jesus nicht im ersten Jahr unserer Zeitrechnung geboren ist, einer willkürlichen Kalendereinteilung solche Bedeutung zuzumessen?
Wenn Kulturen im Niedergang begriffen sind, dann entsteht Angst. Diese durch alle Gruppen der Gesellschaft gehende Angst hat schon in den fünfziger Jahren der protestantische Theologe Paul Tillich am Ende des Altertums, am Ende des Mittelalters und für das Ende der Neuzeit ausgemacht. Die Menschen stehen diesmal an der Schwelle der Auflösung von Territorialstaaten zum Weltbürgertum. Die Visionen des Briten Francis Bacon sind wahr geworden. Er hatte 1627 in seiner Schrift "Nova Atlantis" gefordert, "die verborgenen Kräfte der Natur zu erkennen und die menschliche Herrschaft bis an die Grenzen des ,überhaupt Möglichen' zu erweitern". Doch der Siegeszug von Naturwissenschaft und Technik droht zum Horrortrip zu werden. "Kein neues Atlantis" lautet deshalb eine Forderung des von der Naturwissenschaftler-Initiative "Verantwortung für den Frieden" organisierten Kongresses.
"Die Zeit schreit nach Umbruch - das klingt gut", setzt Hans-Peter Dürr entgegen, Astrophysiker und Träger des alternativen Nobelpreises, "Umbruch bringt Bewegung in den alten Laden." Vor sich hat der weißgelockte Wissenschaftler, einst Mitarbeiter des Wasserstoffbomben-Entwicklers Edward Teller, ein Pendel aufgebaut. Eine kleine Störung entscheidet, ob es nach rechts oder links fällt. So wie auch der Mensch die Möglichkeit zum Guten oder Schlechten hat. "Wir dürfen uns nicht in einen Wettlauf einlassen, in dem das geopfert wird, was den Menschen ausmacht", fordert Dürr.
Noch immer vertraut der Physiker darauf, daß durch beständiges Mahnen ein Umdenken erreicht werden kann. Auch die atomare Bedrohung ist dadurch reduziert worden. Andererseits werde die Natur niemandem in den Arm fallen, wenn er seine Lebensgrundlage zerstöre, mahnt Dürr. "Wir alle müssen uns um die Zukunft des Homo sapiens kümmern, und das hat etwas mit Weisheit zu tun." Vorsichtig löst er eine Sperre am Pendel, an dem nun drei Arme frei schwingen. Ein kräftiger Schwung und das System bewegt sich völlig chaotisch und für Physiker nicht mehr berechenbar.
Der "faustische Erkenntnisdrang" muß zumindest an dieser Stelle zum Erliegen kommen. Doch schon Goethe und später Robert Musil wußten, daß neben der Trunk-, Sex- oder Gewaltsucht auch der Zwang, wissen zu müssen, einen Charakterzug ausbildet, der nicht im Gleichgewicht ist. Es ist der Züricher Quantenphysiker Hans Primas, der das zitiert. Die Faszination an der Forschung könne rücksichtslos und blind machen, warnt er. Es sei kein Zufall, ergänzt der Kölner Genetiker Hubert Kneser, daß in unserem Jahrhundert keine positive Utopie mehr formuliert worden sei. Die Entwürfe für die Zukunft seien allesamt Alpträume. Auf einem Seminar mit Managern habe er die Teilnehmer aufgefordert, sich mit ihm auf einen fliegenden Teppich zu setzen und gemeinsam zu überlegen, wie die Welt in 100 Jahren aussehen könnte. "Was soll der Quatsch", habe ihn nach fünf Minuten einer gefragt. Die Veranstaltung mußte abgebrochen werden.
Nachdenken über eine positive Zukunft ist zur Mühsal geworden. Keiner mag es noch hören: Treibhauseffekt, Artensterben, Bodenerosion, Hungersnöte, Verteilungskonflikte, Bevölkerungswachstum. Das alles ist ohne Technik nicht in den Griff zu bekommen. Aber ein "Gefühl der Ohnmacht" macht sich breit, wie der Bayreuther Physiker Ernst Rößler konstatiert. Die Universitäten hätten die Kraft verloren, Menschen um sich zu sammeln, die mehr wollten als eine Berufsausbildung. Wer wie der Bundespräsident die Globalisierung der Unternehmen bejuble, müsse sich über die Einführung von Marktmechanismen an den Universitäten nicht wundern. "Es wird immer weniger unabhängige Expertisen geben", sagt Rößler. "Der Wunsch, die Zukunft zu planen, ist Ende des 20. Jahrhunderts eine Illusion."
Seine These wird rasch bestätigt. Die Podiumsdiskussion am Samstag abend wird ungeplant umfunktioniert - zum Streikforum. Später dröhnt Musik durchs kühle Gebäude. "So ähnlich hörten sich ,Ton Steine Scherben' an, wenn sie heiser waren", erinnert einer an "Damals". Aber diese Dortmunder Studies fetzen doch etwas wilder - oder?
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