STUDENTEN
Bundesweite Proteste gegen Bildungsabbau
Warnstreik an der Berliner Freien Universität
Von Torsten Harmsen
BERLIN, 20. November. Die Studentenproteste gegen die anhaltende Finanzmisere an den Hochschulen haben von Hessen jetzt auf andere Bundesländer übergegriffen: Mehr als 1 500 Studenten der Freien Universität (FU) Berlin beschlossen am Donnerstag auf einer Vollversammlung den Warnstreik. Die Studierenden aller Institute und Fachbereiche sind aufgerufen, vom kommenden Dienstag an die Lehrveranstaltungen zu boykottieren. Besetzungen von Instituten und "öffentlichen Plätzen" werden erwogen. In der nächsten Woche wollen auch die Studentenschaften der Humboldt- und der Technischen Unversität über ihre Teilnahme am Streik befinden.
In Bonn traten rund 2 000 Studenten in den unbefristeten Streik, teilweise unterstützt von den Dozenten. In Köln wurden Lehrveranstaltungen an der Pädagogischen Fakultät boykottiert. Protestiert wurde auch in Kiel und Regensburg. Für den 27. November ist in Bonn eine Großdemonstration geplant. Vom 1. bis 6. Dezember soll eine bundesweite Aktionswoche gegen den Bildungsabbau stattfinden.
Reformen gefordert
In Hessen, wo die Proteste vor drei Wochen begannen, setzen die Studenten ihren Vorlesungsboykott fort. Rund 500 Kommilitonen demonstrierten in der Innenstadt von Frankfurt am Main, um ihrer Forderung nach einem Sofortprogramm der Landesregierung für die Hochschulen in Höhe von 30 Millionen Mark Nachdruck zu verleihen. Weitere 1 500 Studierende zogen zur Börse. Mit ihrer Aktion "Die Uni geht an die Börse" wollten sie auf die Notlage der Hochschulen aufmerksam machen. Die Deutsche Börse AG teilte daraufhin mit, sie stelle der Universität Frankfurt 26 Computer und zehn bezahlte Praktikantenplätze zur Verfügung.
In einer aktuellen Stunde beschäftigte sich der hessische Landtag mit der Lage an den Hochschulen. Vertreter der Oppositionsparteien CDU und FDP forderten strukturelle Reformen und warfen Wissenschaftsministerin Christine Hohmann-Dennhardt (SPD) Untätigkeit vor. Diese forderte Veränderungen in den Hochschulen selbst. Es hätten 1997 über 40 Millionen Mark bereitgestanden, um an den Hochschulen Engpässe zu bekämpfen, sagte sie. Die Mittel seien nur oft nicht richtig eingesetzt worden.
Hessens FDP-Chefin Ruth Wagner schlug einen Pakt zwischen dem Land und den Hochschulen vor, so wie er auch in Berlin oder Niedersachsen bestehe. Dabei solle den Hochschulen die für 1997 vorgesehene Finanzausstattung auf fünf Jahre garantiert werden.
Unterstützung der Professoren
Der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Hartmut Schiedermair, begrüßte die Proteste gegen die "katastrophalen Studienbedingungen". Die Studierenden hätten "die Sympathie und Unterstützung der Professoren".
Die Aktionen richten sich auch gegen Einsparungen bei der Ausbildungsförderung (Bafög). Wie gestern bekannt wurde, wollen die Finanzminister von Bund und Ländern beim Bafög offenbar noch mehr sparen. Dies gehe aus den jüngsten Beschlüssen der Finanzministerkonferenz hervor, meldete dpa. 1999 dürften demnach nur noch 1,5 Milliarden Mark für das Bafög aufgewandt werden. 1992 waren es noch rund drei Milliarden.
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